
Besuch in Riom-Parsonz
Rund 70 Gönnerinnen und Gönner machten sich am 1. September 2011 auf nach Riom oberhalb Savognin. Das Dorf auf 1250 m ü. M. hat schon vor über 30 Jahren mit dem Nachbarn zur Gemeinde Riom-Parsonz fusioniert; die ganze Gemeinde zählt heute rund 300 Einwohner. Herzliche Gastfreundschaft und die Präsentation des faszinierenden Projektes «Origen» machten die Gönnerfahrt zu einem eindrücklichen Erlebnis.
«Tatortbesichtigung», so bezeichnete Hans Hofmann, Präsident der Schweizer Patenschaft für Berggemeinden, scherzhaft die Gönnerfahrten. Damit meinte er einerseits die Taten, also das Engagement von Gönnerinnen und Gönnern für Projekte in Berggemeinden, und anderseits die Initiativen und die Umsetzung derselben durch die Bevölkerung. Die Gönnerfahrt nach Riom-Parsonz im sogenannten Bündner Mittelland, genauer im Oberhalbstein, war bestens geeignet, diese beiden Seiten an einem Tatort zusammenzubringen, vor Augen zu führen, was mit Spendengeldern geschieht und den persönlichen Kontakt zu pflegen.
Tradition und Moderne
Gut sichtbar liegt das Dorf Riom oberhalb der Strasse zum Julierpass, kurz vor Savognin. Rund 300 Menschen leben in der ganzen Gemeinde Riom-Parsonz. Weniger gut sichtbar, dafür lebenswichtig – und in der Vergangenheit auch lebensbedrohend – sind die Bäche oberhalb des Dorfes. Diese überschwemmten jeweils Teile des Dorfes, brachten Geschiebe mit, bedrohten das Leben. Besondere Schäden richtete ein Unwetter 2002 an. Die Gemeinde handelte, die rund 1,2 Millionen Franken, die das Projekt kostete, hätten aber ihr Budget weit überschritten. Bund und Kanton halfen, und die Patenschaft konnte rund 430'000 Franken an Spendengeldern einbringen, so dass die Gemeinde «nur» noch einen Betrag von 130'000 Franken aus der eigenen Kasse zu bezahlen hatte.
Als die Gönnerinnen und Gönner den beiden Postautos entstiegen, regnete es, Wolken hingen tief und man war froh, konnte man sich in den Schutz der massigen Burg «Rätia Ampla» begeben. Nach dem Aperitiv im Entrée, einem modernen Einbau, öffnete sich ein Vorhang und gab den Weg frei zu einem riesigen Saal, ausgestattet mit Bühne und Tribüne – wer hätte das in dieser alpinen Umgebung und in diesem mittelalterlichen Gemäuer erwartet? Beleuchtet durch eine Unzahl Kerzen, hatte der Raum eine fast sakrale Ausstrahlung. Gemeindepräsidentin Carmen Dedual stellte die Gemeinde Riom-Parsonz vor, schilderte die Geschichte der Hochwassersanierung und bedankte sich bei der Patenschaft für die Unterstützung. Sie stellte dann sogleich ein neues Projekt in der Gemeinde vor, nämlich die Kulturstiftung «Origen», auf deren Aktivität die augenfällige Einrichtung der Burg zurückging.
Eigeninitiative mit Ausstrahlung
«Wir sind eine privilegierte Gemeinde – wir haben eine Burg», so begann Carmen Dedual ihre Ausführungen. Dass dies nicht selbstverständlich ist, beweist so manche Burg, die ein tristes Leben als Ruine fristet. Die Riomer Burg «Rätia Ampla», im 13. Jahrhundert erbaut, entging diesem Schicksal. Die Burgenforscher hatten ihren Zustand Ende des 19. Jahrhunderts als «leidlich» beschrieben, insbesondere weil ihr Dach nach dem Dorfbrand 1867 abgebrochen und das Holz zum Wiederaufbau der Wohnhäuser verwendet worden war. Im letzten Jahrhundert kam die Burg dann wieder zu einem Dach und vor fünf Jahren auch zu einem neuen Zweck. Dr. Giovanni Netzer, in Savognin aufgewachsen und in München zum Theologen und Theaterwissenschafter ausgebildet, hatte eine Idee. Er wollte die Burg zu einem «einzigartigen, international ausstrahlenden, autonomen professionellen Kulturzentrum (Theaterburg) mit hohem künstlerischen Anspruch» werden lassen. So steht es geschrieben im Baurechtsvertrag zwischen dem Kanton Graubünden und der Stiftung «Origen», die zu diesem Zweck gegründet wurde. Dass das ambitiöse Vorhaben nicht im Land der Träumer und Fantasten landete, ist Dr. Giovanni Netzer, seiner Familie und vielen Helfern zu verdanken.
Dass von der Burg nur noch die Aussenmauern – mit den eindrücklichen Massen von 12 mal 30 Metern – und das Dach vorhanden sind, nutzte Netzer als Chance: Ausser Entrée und Toiletten liess er nur Bühne und Tribüne einbauen, so dass der ganze Raum erlebt werden kann. Seither ist die Burg das Zentrum des Theaterfestivals «Origen». Mit den zahlreichen Produktionen – Oper, Theater, Vokalensemble – begibt er sich mit seiner Truppe aber auch an Spielorte ausserhalb Rioms und trägt dessen Name ins In- und Ausland. Doch erarbeitet werden die Stücke hier. Das bringt Leute aus aller Welt ins Dorf. Dabei entstehen Begegnungen, wenn auch vielleicht zuerst die Neugier über diese Fremden überwunden werden muss. «Dass ein Kulturzentrum in einem Dorf auf so viel Akzeptanz, Unterstützung und Mitarbeit stösst, ist wohl einzigartig.» Diese Fremden zeigten aber auch auf, dass in Riom Unterkünfte, Arbeits- und Probenplätze fehlten. Eine Lösung bot sich mitten im Dorf: Die Liegenschaft Sontga Crousch, mit Hof und Stall. Im 19. Jahrhundert war es vom Einheimischen Lurintg Maria Carisch erbaut worden. Carisch war in Paris zu Geld gekommen und hatte nach seiner Rückkehr das stattliche Haus erbauen lassen, um seinen Lebensabend mit seiner Familie als Bauer zu verbringen. Da seine Kinder keine Nachkommen hatten, wurde das Anwesen 1930 an die Menzinger Ordensschwestern verkauft, welche es als Sommerhaus nutzten. Dank Spenden – auch die Patenschaft hat sich engagiert – konnte die Stiftung in diesem Jahr das Haus mit dazugehörigem Hof und Gelände erwerben. «Als ‚Origen’ sich für Sontga Crousch interessierte, wussten wir, dass wir eine Chance haben, uns gemeinsam weiterzuentwickeln», sagt dazu Carmen Dedual. Denn allen ist klar: «Origen» bringt nicht nur Kultur ins Dorf, sondern auch Künstler, die hier vorübergehend wohnen und arbeiten, und Besucher, die in der Gegend übernachten wollen und ihren Teil zur Wertschöpfung beitragen, und die ihre Begeisterung in ihrem Bekanntenkreis weitergeben.
Ein kochender Pfarrer und viele Pläne
Nach den starken Eindrücken in der Theaterburg war es Zeit für das Mittagessen. In der Mehrzweckhalle des Schulhauses, das mit seiner modernen Bauweise einen architektonischen Akzent am oberen Dorfrand setzt, servierten Frauen aus dem Dorf ein vorzügliches Essen. Verstärkt wurden sie dabei durch den Pfarrer, welcher einen guten Ruf als Koch geniesst und die Bündner Gerstensuppe beigesteuert hatte. Carmen Dedual und Dr. Giovanni Netzer präsentierten anschliessend ihre Pläne, und Netzer beantwortete im Haus Sontga Crousch die Fragen der interessierten Besucher. Mittlerweile hatte der Himmel aufgeklart und Riom präsentierte sich mit Weitblick talauf- und talabwärts – und Weitblick ist ganz offensichtlich etwas, das sich Gemeinde und Stiftung sehr zunutze machen.



